Sonntag, 18. Mai 2008

DIE NEW YORK TIMES MACHT HAUSBESUCHE

Die New York Times ist berühmt für ihren politischen Journalismus.
Damit nicht genug: Das New York Times Magazine ist seit jeher eine gute Adresse für Lifestyle-Reportagen. 1976 erschien eine erste Auswahl von Wohnreportagen in einem Buch – «The New York Times Book of Interior Design und Decoration» ist ein Klassiker des Genres.
Die heute zuständige Redakteurin Pilar Vilades hat nun die besten Beispiele der letzten Jahre zusammen gestellt und in einem zweiten Band veröffentlicht: «Domesticities» hat ebenfalls das Zeug zum Klassiker.


Das Cover/das «Haus im Haus» entwarf Adam Kalkin

Was liegt nicht im Trend? Diese provokante Frage legt die Autorin ihrer Auswahl zugrunde. Statt massentauglicher Konformität suchte sie Menschen mit individuellem Stilgefühl und dem Mut, ihre Wohnungen/Häuser nach eigenem Gusto einzurichten. 28 Architekten und Interior Designer erfüllen in diesem Fall die hohen Ansprüche. Darunter sind so grosse Namen wie:
  • Vincente Wolf, kubastämmiger Interior Designer
  • Carlos Apariçio
  • Jonathan Adler (für sein Portfolio siehe sep. Post)
  • Le Corbusiers berühmte «Caban» am Mittelmeer
  • Thomas Jayne
  • Suzanne Slezin (bekannt als Autorin von «Caribbean Style» und «English Style»)
  • Anthony Barratta und William Diamond (Design-Duo Diamond-Barratta)
  • John deMenil
  • Jacques Grange, französischer Design-Guru
  • Joel Grey (Schauspieler, bekannt aus «Cabaret» mit Liza Minelli)
  • Michael Formica, Designer und passionierter Sammler
Die Autorin unterscheidet vier Kategorien von Einrichtungs-Typen:
  • Die «New Classics» zollen mit ihrer Arbeit den grossen Designlegenden Tribut: William Haines, David Hicks und Albert Hadley.
  • Die «Mavericks» orientieren sich an der Vergangenheit, gehen sogar bis zu Thomas Jefferson's Anwesen Monitcello zurück, verehren Frank Lloyd Wright und Madleine Castaing.
  • Die Vertreter für «Modern Living» fühlen sich den Pionieren der Architektur, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright und LeCorbusier, verpflichtet.
  • Im Kapitel «Personalitiy Profiles» sind Profis und Design-Laien versammelt, die ihren persönlichen Stil über alle Regeln stellen. «Je genauer Sie hinschauen, desto mehr lernen Sie», sagt die Autorin über diese Menschen.

Kevin Walz, ein «New Classic», richtete dieses Haus in Westchester County ein
(Fotos: Carlos Emilio/ Bilder courtesy Homepage Kevin Walz)

Das New Yorker Architekturbüro «BFive» ist mit zwei Projekten vertreten. Für das Architekten-Duo Ronald Bentley und Salvatore LaRosa gilt die Devise: «Entwirf nie zu kleine Pläne», dementsprechend ist in der kleinsten Hütte Raum für grosses Design.



Ein Haus in Bucks County (oben) und ein kleines Cottage in in East Hampton
(alle Bilder courtesy Bfive Studio)

Wirklich bunt wird es bei den beiden Apartments des Design-Duos Anthony Baratta und William Diamond, die bekannt sind für den ultimativen Mustermix. Barattas wollte in New York «über den guten Geschmack» hinaus gehen, wie er selbst sagt – und tut dies mit Witz und erstaunlichem Geschmack. Die Grundfarben sind Schwarz und Weiss, soweit nichts Ungewöhnliches, aber Accesoires, eine rote Wand, grüne Möbel, viele klassische «Nudes» und ein Sofa im Leopardenlook verleihen der Zwei-Zimmer-Wohnung einen herben Charme und eine gewöhnungbedürftige Kulisse zugleich. Noch bunter, wenn auch heller treibt er es in Miami.
Die «Modernisten» führen der grosse Architekt Gio Ponti und seine Villa Planchart in Caracas, Venzuela an. Ponti entwarf nicht nur die Architektur, sondern auch sämtliche Einbauten und Möbel. Das 1956 fertig gestellte Haus wirkt so «frisch» und modern wie vor 50 Jahren. Dieses und andere Beispiele zeigen, dass grosse Architektur kein Verfallsdatum hat.


Anthony Barattas Wohnpantasie in New York/ Vincente Wolf wählt den klassischen Ansatz

Die wohl aussergewöhnlichsten Projekte sind einmal der Ferienbungalow in Idaho, dessen gesamte Fensterfront aufklappbar ist, um das Panorama ungestört geniessen zu können (Der Begriff «Open House» erhält damit eine völlig neue Bedeutung). Und andrerseits das «Haus im Haus». Architekt Adam Kalkin nahm im idyllischen New Jersey ein kleines, klassisches Shingle-Haus und baute einen Container aus galvanisiertem Stahl und Glas darum herum. Den Zwischenraum nutzt die Familie als erweiterten Lebensraum.

Zu den grossen Persönlichkeiten zählt die Autorin den französischen Interior Designer Jacques Grange, dessen Haus im Loiretal vorgestellt wird, sowie Carl Leibowitz, der etwas von Handschriften versteht (er ist Experte bei Christies), sein Haus in Harlem aber mit mehr Eigensinn als Disziplin einrichtete; die 60er lassen grüssen.


Interior Designer Thomas Jayne nutzt Farben als Akzente/
Jeff McKay setzt auf Rot und Schwarz (Bilder courtesy Bulfinch, zT aus dem Buch fotografiert)

Das Buch ist abwechslungsreich, vielfältig und informativ (Dank an den NYT-Journalismus!) Laut Wörterbuch hat der englische Begriff «Domesticities» übrigens mehrere Bedeutungen (frei übersetzt): 1. Qualität des Haushaltens, 2. die Hingabe an das häusliche Leben und 3. Haushaltsangelegenheiten. Der Titel ist doch gut gewählt.

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